«Egoismus und Narzissmus sind passé»

In diesen Tagen hätte die ordentliche Generalversammlung des Gewerbevereines Oberwil/Biel-Benken (GVOB) stattfinden sollen. Wir wissen, dass seit dem landesweit ausgerufenen Notstand alle Anlässe und Veranstaltungen – bis auf Weiteres – abgesagt werden mussten. In dieser schweren Zeit benötigen die lokalen KMUs je-doch mehr denn je unseren Support und die Solidarität aller.

Er ist Gewerbler und Unternehmer. Er war internationaler Elite-Sportler und ist ein Mann der Taten. Anstatt über die GV und einen denkbaren Präsidentenwechsel zu berichten, haben wir mit Herrn Christian Kern ein Interview (natürlich per E-Mail und aus Distanz) geführt.

BiBo: Dürfen wir ein paar Eckdaten zu Ihrer Person und den beruflichen Werdegang erfahren?
Christian Kern: Ich habe eine kaufmännische Lehre gemacht im Dienstleistungssektor, danach das MBA, zudem die Ausbildung als Journalist BR. Meine beruflichen Stationen waren Basler Kantonalbank, Country-Manager Marketing bei der Autodesk (AutoCAD), JVC Spitzer Electronic (Verkaufsleiter), Basler Medien Gruppe, Radio Basilisk und danach für zehn Jahre Stadionmanager im St. Jakob-Park. Seit 2011 bin ich selbstständig Erwerbender im Bereich Entwicklung, Betrieb und Unterhalt von Sport- und Freizeitstätten (KernConsulting) und im Medienberatungsbereich (OC Media by KernConsulting). Vor drei Wochen habe ich zusätzlich mit einem tollen Partner den Wylaade in Bottmingen aufgemacht.

Sie sind Vollblut-Gewerbler und Unternehmer. Wie gehen Sie mit dem Coronavirus um?
Nun, mit dem Virus selbst kann ich nicht umgehen, mit der Situation selbst schon. Ich denke, dass wir eigentlich gar noch nicht wissen, was auf uns zukommen wird. Damit meine ich nicht nur das ­Gewerbe, sondern alle Bereiche unseres Lebens. Ich versuche wenn immer möglich ein Stück Normalität walten zu lassen. So versuche ich, zu Hause nicht ­meiner Frau auf den Geist zu gehen. Ich biete Hilfestellungen für Mitglieder des Gewerbevereines Oberwil/Biel-Benken (GVOB) an. Ich denke, wenn einem einzigen KMUler geholfen werden kann, hat sich dieser Aufwand schon gelohnt. Ich meine aber auch, dass es die Aufgabe eines Vorstandes ist, zu agieren und nicht einfach zu reagieren. Sicherlich machen wir nicht immer alles richtig, aber Nichtstun ist in diesem Falle schlimmer.

In diesen Tagen hätte die Generalversammlung von Gewerbe Oberwil/Biel-Benken stattfinden sollen. Ist es richtig, dass Sie der designierte Präsident vom abtretenden Thomas Schulte hätten werden sollen?
Ich habe kurz mit Thomas Schulte (Präsident) darüber geredet. Dies ist aber momentan kein Thema für mich, was nicht heisst, dass mir die Mitglieder und das Gewerbe im Allgemeinen nicht am Herz liegt.

Thomas Schulte hat aber auf die GV hin seinen Rücktritt erklärt. Steht der GVOB dann ohne Präsident da?
Dass Thomas irgendwann seinen Rücktritt erklären wird, ist sein gutes Recht.
Er hat sich während mehr als 20 Jahre
für das hiesige Gewerbe mit Bravour eingesetzt. Und nein, der GVOB wird nicht ohne Führung dastehen. Wir haben einen hervorragend aufgestellten Vorstand. Zudem werde ich in der Funktion als Vizepräsident selbstverständlich ad interim das Präsidium übernehmen – sollten wir bis dahin keinen Nachfolger oder keine Nachfolgerin haben.

Der ausgerufene Notstand tangiert vor allem die lokalen KMUs und viele sind in ihrer Existenz bedroht. Was können wir tun, um das Schlimmste zu verhindern?
Helfen, wo um Hilfe gebeten wird. Sich austauschen, Informationen weitergeben. Hilfestellungen beim erforderlichen Papierkram leisten. Sich unter den Gewerbevereinen austauschen. Koordinationsplattformen schaffen und zentralisieren. Wichtig ist aber auch, dass wenn immer möglich sich die Gewerbler untereinander noch mehr vernetzen. Weiter die Bevölkerung informieren – dabei nehmen Medien eine besondere Stellung ein. Auch, oder vor allem, der BiBo! Alle sollten das lokale Gewerbe (wenn immer möglich) berücksichtigen. Sei dies bei Heimlieferungen, unterstützende Hilfeleistungen, Botengänge etc. Aktiv werden! Das Schlimmste, was passieren kann, ist Passivität. Wir sind aufeinander angewiesen!

Sie sind ein liberaler Zeitgeist – und dennoch verlangen nun rechtsbürgerliche Kreise nach viel Geld vom Staat, um KMUs zu retten. Ist der einstige FDP-Slogan «Weniger Staat, mehr Freiheit» nicht ein Widerspruch? Oder gar Opportunismus?
Aussergewöhnliche Zeiten erfordern aussergewöhnliche Massnahmen. Ich kann nur sagen, dass das Paket des Bundes und die Hilfen der Kantone sowie der Wirtschaftsförderung massgeblich zum Überleben von vielen KMUs beitragen werden. Ich persönlich finde diese Engagements fantastisch. Es wird überparteilich mit den Gewerbeverbänden zusammengearbeitet, und meiner Meinung nachmachen alle Involvierten einen hervorragenden Job.

Ist die aktuelle Situation vielleicht nicht auch eine Chance für eine «gesellschaftliche Veränderung»?
Krisen bieten immer auch Chancen – sowohl im gesellschaftlichen als auch in ökonomischem Bereich. Wir werden nicht ohne Veränderungen aus dieser Situation herauskommen. Aber wenn wir ehrlich sind: Wir wissen nicht, welche Veränderung(en) es geben wird.

Sie waren Leistungssportler (Rollhockey-Internationaler) und sind in Stadionplanungen (Thun, Aarau, Zürich, Lugano) involviert. Denken Sie nicht, dass sich der Profi(t)-Sport neu orientieren muss?
Ich habe immer gesagt: Wo der heutige Profisport anfängt, hört meine Arbeit auf. Darum befasse ich mich mit der Entwicklung und Betriebskonzepten von Sport- und Freizeitstätten. Ob sich der Profisport neu orientieren muss, hängt massgeblich vom Verhalten der Wirtschaft und den Konsumenten ab. Sicher ist, dass auch der Sport im Allgemeinen nach dieser Krise nicht mehr so sein wird, wie er einmal war.

Was möchten Sie unserer (Oberwiler) Leserschaft via BiBo mitteilen?
Egoismus und Narzissmus sind passé. Man muss Solidarität auf allen Ebenen beweisen und (vor-)leben. Eigeninteressen nach hinten schieben und zusammenstehen! Versuchen, über den Tellerrand hinauszudenken. Sich den Folgen bewusst sein und vor allem – Neid und Schadenfreude ein für alle Male beiseitelegen. Und wenn man nicht weiter weiss, dann jemanden fragen. So kommen wir durch diese Zeit – egal, wie lange sie dauert und egal, was sie noch bringen wird. Die Floskel «Gemeinsam schaffen wir es!» (Anm. der Redaktion: war ja der Titel der letzten BiBo-Front) hat für einmal seine Gültigkeit.

Es ist mir ein persönliches Anliegen, Herrn Kern (Danke, Chris) für das Gespräch herzlichst zu danken. Und seine Aussagen sind nicht nur Worte, sondern Werte, welche wir alle in Zukunft tatkräftig vorleben müssen.

Georges Küng

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