Vielen herzlichen Dank, Herr Christian Wenger

Seit 20 Jahren zeichnet der Unterzeichnete redaktionell für den BiBo, als Chefredaktor, verantwortlich. Und auch nach zwei Jahrzehnten kann es zu einem Novum kommen. Die heutige Chronik mag auf den ersten Blick ungewöhnlich sein… sie hat aber derart viel Fundus, dass sie schlicht ein muss für unsere Leserschaft ist.

Es kommt oft vor, dass unsere Leser uns schreiben, jedoch im gleichen Atemzug bitten, ihren Namen nicht zu veröffentlichen. Die Redaktion wägt ab – anonyme Schreiben landen eh im Papierkorb («löschen»), bei berechtigten Gründen nehmen wir meist den ersten Buchstaben des Vor- und Nachnamen.
Die folgenden Zeilen hat Christian Wenger aus Bottmingen geschrieben. Er wohnt an der Neumattstrasse – und es geht um die Schliessung des Coop-Restaurant (Zentrumsplatz).
Meine Wenigkeit kennt Herrn Wenger nicht persönlich. Aber sein «Leserbrief», der aber viel mehr ist, hat mir aus dem Herzen und der Seele gesprochen. In einer Zeit, wo primär Symptombekämpfung betrieben wird (in den Media, in der Politik), geht unser Leser, der garantiert ein kritischer Zeitgeist ist, tiefer. Er geht auf Ursachenforschung – und blickt zurück. Denn mag eine meiner Lieblingsphrasen «Nur wer das Gestern kennt, kann das Heute verstehen» ein wenig «abgedroschen» klingen… man muss die Zusammenhänge kennen, um das Ganze, das Komplexe zu verstehen.

Sehr geehrter Herr Küng
Jede Woche lese ich Ihre Beiträge im Birsigtal-Bote mit Interesse und bin immer gleicher Meinung. Mit Ihrem redaktionellen Beitrag «Das Coop-Restaurant im Zentrum schliesst» (BiBo-Nummer 41 vom 10. Oktober) hingegen bin ich gar nicht einverstanden und habe mir deshalb Zeit genommen, einen (langen) Leserbrief zu verfassen. Es ist schwierig, Erklärendes nicht ausufern zu lassen und habe nun eine abgespeckte Version zusammengestellt. Ich bitte Sie, diesen in einer der kommenden BiBo-Ausgaben zu veröffentlichen. Sollten Sie Fragen oder Anregungen dazu haben, erreichen Sie mich am besten über meine E-Mail-Anschrift oder über Telefon 078 860 97 53.
Auf den Artikel «Das Coop-Restaurant im Zentrum schliesst» (es betrifft den Coop in Oberwil) möchte ich doch auch meine Sicht darlegen. Unsere Grossverteiler, die in diesem Artikel erwähnt sind, waren zu meiner Jugendzeit noch nicht so marktbestimmend wie heute (ich habe Jahrgang 1955) und ich wurde in die Bäckerei, ins Milchhüsli, ins örtliche Lebensmittelgeschäft zum Einkaufen geschickt. Als ich in den Fussballverein eintrat, holte ich Leibchen, Hose und Stulpen beim Sportgeschäft bei uns im Dorf.
Dann erfolgte der flächendeckende Ausbau des Filialnetzes über die ganze Schweiz. Es kamen irgendwann Elektro-Haushaltsmaschinen dazu, Unterhaltungselektronik, Sportartikel von Fussball- bis Skiausrüstung. Jeder Ausbau ihres Sortimentes zwang Fachgeschäfte zur Schliessung. Mit ihren Preisen konnten die «Kleinen» nicht mithalten. Vor gut zwei Jahren kam im Migros-Genossenschaftsblatt die freudige Ankündigung mit grosser Überschrift: «Jetzt führen wir auch Hightech-Fahrräder für Sie im Sortiment!» Ich habe sofort an jene Velohändler gedacht, die jeden Morgen ihre Fahrräder zum Anpreisen raus- und am Abend wieder ins Geschäft reinstellen. Nun sollte diesen auch noch die letzten Brosamen weggenommen werden.
In die Planung von Lebensmittel-Filialen ist irgendwann die Idee mit den eingegliederten Restaurants eingeflossen. Das war die Kampfansage an die Gastronomie. Gasthaus, Gaststätte, Wirtshaus oder Gastwirtschaft hiessen diese damals und viele, die sich nicht an diese Konkurrenten anpassen konnten, haben geschlossen. Oder präziser: Sie mussten dicht machen. Nun schliessen Grossverteiler-Restaurants wegen fehlender Rentabilität. Das ist die Ironie in diesem Kreislauf. Nur die eigene Buchhaltung zählt, die verursachten Einzelschicksale «ringsherum» interessierte sie nicht.
Ich bedaure, dass man über Jahrzehnte das Mittagessen in einem MM-Migros einnahm und Stammgäste gegen die Schliessung des Coop-Restaurants eine Unterschriftensammlung starteten. Wieso nicht in einer Gaststätte im Dorf mediale Termine abhalten oder Kaffee und Kuchen dort einnehmen? Im BiBo wird regelmässig von Gewerbe-Ausstellungen berichtet. Es wird darauf hingewiesen, wie wichtig jeder Laden im Dorf-Gefüge ist. Diese Gewerbetreibenden sind engagiert, oft bei Dorfanlässen dabei, vielleicht auch nur mit Inseraten in einem Programmheft andere unterstützend.
Es ist mir bewusst, dass unser Dasein auf dieser Erde immer Entwicklungen unterworfen war und ist. Dagegen ist nicht anzukommen. Ich habe in dieser Angelegenheit eine persönliche Sichtweite und die wollte ich darlegen.

Herr Wenger: Danke für Ihr Schreiben. Solche Zuschriften werten den BiBo auf. Und es ist wünschenswert, wenn auch andere Leserinnen und Leser zu Themen Stellung nehmen, die nicht 08.15 sind.

Georges Küng

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